Das ist alles so Postkarte

Touren, die sich am Freitagmittag per „Wir fahren weg!“-Message ergeben, können auf unterschiedliche Weise enden. Auf jeden Fall bleiben sie im Gedächtnis. In unserem Fall führten sie uns in die Urner Alpen, die glücklicherweise nur 360 km entfernt in der Schweiz liegen.

Am furchtbar frühen Samstagmorgen ging es mit Zelt, Fotoausrüstung und einer Mannschaftsration Kaffee auf die Autobahn. Da man für die Schweiz eine Vignette benötigt, kauften wir diese noch schnell an der letzten Tankstelle auf deutscher Seite. Keine fünf Minuten später war sie wieder verkauft, da unser CarSharing-Auto bereits eine Plakette hatte. Ok, nächstes Mal wird erst nachgeschaut. Zwei Stunden später erreichten wir die Engstlenalp und schüttelten schnell unsere aufkommende Müdigkeit ab. Der sich dann aufbauende Anblick beim Sonnenaufgang über dem Engstlensee entschädigte sofort für das Schlafdefizit und die Fahrt.

Der See liegt auf 1.851 Metern und wird perfekt von den Bergen eingerahmt. Mit der höher steigenden Sonne begannen nicht nur die Berge zu „brennen“, sondern auch die Farben ringsherum veränderten sich minütlich. An dieser Stelle ahnten wir noch nicht, dass sich das berauschende Farbgefühl während unseres gesamten Ausfluges halten würde. Da das Thermometer an diesem Morgen auf 6°C stand und es uns nach weiteren zwei Stunden Fotografieren und Filmen nach einem heißen Kaffee und einem Frühstück gelüstete, traten wir den Rückweg ins Tal an. Mittlerweile war es natürlich hell und während bei der Anreise im Dunkeln jedes entgegenkommende Fahrzeug durch seine Lichter sofort zu erkennen war, zeigten jetzt die engen Straßen schnell ihr Adrenalinpotential. Hieß es doch nun, immer rechtzeitig den Weg vor oder zurück zur Ausweichbucht anzutreten. Am ersten Gasthof hielten wir und da wir die einzigen auswärtigen Gäste an diesem Morgen waren, bestellten wir ohne Blick auf die Karte ein Frühstück für zwei Personen und vor allem schönen heißen Milchkaffee.

Während der Wartezeit genossen wir auch hier den Ausblick auf die umliegenden, teils schneebedeckten Berge. Außerdem sahen wir die ersten Jüngli-Bäche, bei deren Anblick wir beschlossen, im Anschluss das Schwarzental zu Fuß zu erkunden. Wie die Fotos erahnen lassen, waren wir nach dem Frühstück nicht nur restlos satt und zufrieden, sondern hatten auch noch eine Lektion in Schweizer Preisgestaltung gelernt. Denn wer die Schweiz besucht, sollte nicht nur Wanderschuhe und Feldstecher einpacken, sondern auch ein „wenig“ Geld. So ging es auch beim Passieren der Schranke am Restaurant Wagenkehr weiter. Hier werden auf einmal 8 Franken nachträglich für die Nutzung der passierten Straßen fällig (nachts ist die Schranke offen). Bei der weiteren Fahrt durch das anschließende Sustental entdeckten wir quasi im Vorbeifahren den malerisch gelegenen Campingplatz Gadmen. Wir hielten kurz an einer der unzähligen Bergbahnen, entschieden uns dann aber bei dem strahlenden Sonnenschein für eine Bergwanderung. Hierfür fuhren wir zum Rastplatz am Steingletscher. In Anbetracht der Uhrzeit wählten wir den ausgeschilderten Wanderweg zum Steinlimigletscher. Nun lernten wir unsere zweite wichtige Lektion. Grundsätzlich gibt es nach den Ausschilderungen drei Arten Wanderwege. Unserer sollte für „festes Schuhwerk“ geeignet sein. Jetzt kann man natürlich darüber philosophieren, was „festes Schuhwerk“ an Beiwerk bedeutet, jedenfalls war der Weg nicht nur schmal, steinig und teilweise abenteuerlich, sondern auch noch spärlich markiert. Nun gut, etwas Abenteuer gehört nun einmal zu einer alpinen Wanderung dazu. Der 360° Panorama-Blick über die Berge (http://de.wikipedia.org/wiki/Steingletscher) und auf den surrealen Steinsee war dies auf jeden Fall wert.

Zwischendurch war es teilweise schwer, die Impressionen aufzunehmen, da der mentale Speicher randvoll war – ganz zu schweigen von unseren Speicherkarten der Kameras. Nach einer nochmals abenteuerlichen Rückfahrt vom Gletscher ins Tal, bei dem die vorbeisausenden Motorräder für den einen oder anderen Beinah-Herzinfarkt sorgten, schlugen wir unser Zelt auf dem Campingplatz auf. In unserer kurzfristigen Reiseplanung hatten wir nicht an die Proviantfrage gedacht. Diesen Fehler werden wir bei einer weiteren Reise in die Schweiz sicherlich nicht wieder begehen, belastete der Besuch im einzigen Mini-Market weit und breit doch mit dem Einkauf für ein knappes Vesper unsere Reisekasse in gleichem Maße wie ein kleiner Restaurantbesuch in Deutschland. Aber auch dies nahmen wir an diesem Abend gern in Kauf. Nach dem Essen gingen wir noch an das nahe Flussbett, um hier weitere Fotos und Aufnahmen vom Wasser und dem Sonnenuntergang über den Bergen zu machen. Wenig später lagen wir todmüde in unseren Schlafsäcken und weder die Kälte noch das ununterbrochene Klingeln der Kuhglocken konnten uns jetzt noch wach halten. Beim Frühstück am strahlenden nächsten Morgen entdeckten wir, dass wir zwar Espresso, Milch und Zucker glücklicherweise eingepackt, dafür jedoch den Kaffeekocher vergessen hatten. Aber in Improvisation reichlich erprobt, konnten wir auch dieses Problem in feinster MacGyver-Manier mit Hilfe einer leeren Wasserflasche lösen. Von diesem wunderschön entspannten Ort konnten wir uns kaum lösen und traten daher erst am frühen Nachmittag den Heimweg an. Natürlich legten wir hier erneut mehrere kurze Fotostopps ein.

Für eine längere Pause suchten wir uns in Luzern in Bahnhofsnähe einen Parkplatz. Gute Nerven seien den Autofahrern an dieser Stelle nahegelegt. Die Stadt selbst liegt träumerisch am Vierwaldstätter See. Man kann also direkt aus dem Zug in den Ausflugsdampfer umsteigen. Selbst hier in der Stadt erschien uns die Wasserfarbe beinahe unwirklich blau. Wir mischten uns unter die Scharen von Touristen und schlenderten durch die alten Gassen und über die unzähligen Brücken. Von Luzern aus war der restliche Rückweg dann fast zu kurz, um von diesem eindrucksvollen Ausflug in den Alltag zurückzukehren. Nicht nur aufgrund der Nähe werden wir die Schweiz sicherlich noch das eine oder andere Mal besuchen. Zu intensiv waren die Impressionen. Einziger Wehrmutstropfen bleiben die hohen Kosten eines derartigen Besuches. Während wir problemlos überall mit Euros zahlen konnten, erhielten wir das Rückgeld verständlicherweise in Franken. Hierbei wurde jedoch an den verschiedenen Stationen unserer Reise mehr oder weniger großzügig gerundet. Aber für den nächsten Ausflug haben wir jetzt bereits genügend Kleingeld im Portmonee und für das leibliche Wohl sorgen wir dann per mitgenommenen Lebensmitteln.